So arbeiten wir

So arbeiten wir

Die Schulen des Trägerkreis Junge Flüchtlinge e.V.

Der Trägerkreis Junge Flüchtlinge e. V. hat sich zum Ziel gesetzt, unbegleitete minderjährige und junge Flüchtlinge im Alter von 16 bis 21 (in Ausnahmefällen 25) darin zu unterstützen, ihr Menschenrecht auf Bildung und Schule wahrzunehmen und an der Gesellschaft teilzuhaben. An den Schulen des Vereins in München – "SchlaU" und „SchlaU Standort Schillerstraße“ (Schulanaloger Unterricht für junge Flüchtlinge) – werden insgesamt 320 junge Flüchtlinge in 20 Klassen unterrichtet. Etwa 85 SchülerInnen werden jährlich zum Schulabschluss geführt und in Ausbildung oder weiterführende Schulen vermittelt. Danach, also während der Ausbildung oder des Besuchs einer weiterführenden Schule, werden die ehemaligen SchülerInnen durch das Programm „SchlaU Übergang Schule-Beruf“ nachbetreut, um eine nachhaltige Integration zu unterstützen. Insgesamt haben die beiden Schulen in München in den letzten Jahren über 1700 Einzelfälle erfolgreich betreut. Seit 2004 sind die Schulen als Berufsförderungseinrichtungen gemäß Art. 36 Abs. 1, S. 1, Nr. 3, BayEUG anerkannt, an der junge Flüchtlinge ihre Berufsschulpflicht absolvieren können. Die Finanzierung der Schulen beruht auf einer Mischfinanzierung aus öffentlichen Mitteln, Stiftungsmitteln und nicht zweckgebundenen Spenden. Im Jahr 2014 setzten wir insgesamt rund 3,6 Millionen Euro an Personal- und Sachkosten ein, um unsere Angebote umzusetzen. Unterstützt wurden wir hierbei von circa 200 Ehrenamtlichen, die vor allem in der Nachhilfe tätig waren. Mit dem Konzept schließt der Trägerkreis Junge Flüchtlinge e.V. damit an aktuelle Inklusionsdebatten an. Eine gezielte, intensive individuelle Förderung in geschütztem Rahmen ermöglicht es den Jugendlichen, bereits nach kurzer Zeit in das deutsche Regelschul- und Ausbildungssystem einzusteigen, um sich dort zu entfalten.

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Förderung in den unterschiedlichen Schulstufen

Das Team der SchlaU-Schule versteht Schule als Raum des gemeinsamen Lernens, der Persönlichkeitsentwicklung fördert und Zukunftschancen eröffnet. Im Unterschied zur Regelschule setzt das Konzept des schulanalogen Unterrichts für junge Flüchtlinge auf ein durchlässiges Klassenstufensystem und auf geringe Klassenstärken mit durchschnittlich 16 Lernenden pro Klasse. Denn die unterschiedlichen Lebenswege und Lernbiografien der SchülerInnen machen eine individuelle und vor allem auch sozialpädagogische Betreuung unabdingbar.

Der Schulbesuch bei SchlaU erstreckt sich über einen Zeitraum von einem bis vier Jahren, je nach Vorbildung und individuellem Lernfortschritt. Die Klasseneinteilung erfolgt anhand eines in der Praxis entwickelten Einstufungstests. Dieser testet sowohl den schriftlichen wie den mündlichen Sprachstand unter Einbeziehung der natürlichen Spracherwerbsstufen sowie Mathematikkenntnisse. Übergreifend werden eine Alphabetisierungs-, eine Grund-, eine Mittel- und eine Abschlussstufe unterschieden, die jeweils in Klassen unterschiedlichen Förderschwerpunktsetzungen unterteilt werden. Das Fach Mathematik wird aus dem Klassenverbund ausgegliedert und in einem begleitenden Kurssystem unterrichtet. Denn die mathematischen Kenntnisse der SchülerInnen differieren meist erheblich innerhalb der einzelnen Klassen und sind unabhängig vom aktuellen Sprachstand zu betrachten. Das offene Schulsystem ermöglicht einen unterjährigen Wechsel der SchülerInnen in höhere Klassenstufen, um Unter- wie Überforderungen adäquat begegnen und die Motivation der Lernenden halten zu können. Leistungserhebungen werden regelmäßig in Form von mündlichen wie schriftlichen, benoteten Tests durchgeführt. Analog zum staatlichen Schulsystem vergibt die Schule zweimal jährlich Zeugnisse zur Lernstandserhebung der Jugendlichen, die von Lernentwicklungsgesprächen begleitet werden. Ein Durchfallen im klassischen Sinn ist nicht möglich, da die einzelnen Klassenstufen nicht über einheitlich zu erreichende Schuljahreslernziele verfügen. Diese liegen im Ermessen des Lehrendenteams und variieren von Klasse zu Klasse und von SchülerIn zu SchülerIn. Für den Übertritt von Stufe zu Stufe gelten jedoch Kompetenzvorgaben, welche die Übergänge regeln. Dadurch behält sich das Lehrendenteam vor, einzelne SchülerInnen innerhalb der gleichen Stufe nachfolgend in unterschiedlichen Kompetenzförderstufen zu unterrichten.

Lernen in der Alphabetisierungs-, Grund- und Mittelstufe

Das Hauptaugenmerk in der Alphabetisierungsstufe liegt auf der Alphabetisierung in lateinischer Schriftsprache, Basiskenntnissen des deutschen Grammatiksystems, einfacher Mathematik und einer ersten Orientierung in den Fächern Ethik, GSE (Geschichte, Sozialkunde, Erdkunde), AWT (Arbeit, Wirtschaft, Technik), Sport, Kunst und Musik.

In der Grund- und Mittelstufe werden die Inhalte in diesen Fächern ausgebaut und die Fächer IT und PCB (Physik-Chemie-Biologie) eingeführt. Neben Fachwissen wollen wir wichtiges allgemeines Wissen und Schlüsselkompetenzen vermitteln, da dies die Teilhabe an der Gesellschaft erleichtert so z. B. der gleichberechtigte Umgang miteinander, unabhängig von Gender, Herkunft, Alter und sozialem Status, ebenso wie Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit.

Lernen in der Abschlussstufe

In der Abschlussstufe, die analog dem staatlichen Schulsystem mit Klasse 9 bzw. 10 benannt ist, werden die SchülerInnen auf die Prüfungen zum Erfolgreichen Mittelschulabschluss (HASA), auf den Qualifizierenden Mittelschulabschluss (QUALI) oder den Mittleren Schulabschluss vorbereitet, die sie jeweils extern an einer unserer Kooperationsschulen ablegen. Bei der Aufnahme in eine Abschlussklasse spielen für uns nicht nur die schulischen Leistungen eine Rolle, genauso wichtig ist die Frage, ob der Schüler oder die Schülerin generell ausbildungsreif ist, d. h. in der Lage ist, nach dem Abschluss in Ausbildung und Berufsschule zurechtzukommen. Oft ist es sinnvoller, sich mit dem Abschluss ein Jahr länger Zeit zu lassen, anstatt die Schule schnellstmöglich zu absolvieren und dann in der Ausbildung zu scheitern.

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Übergang Schule-Beruf

Lange vor dem Abschluss beginnen wir mit der Berufsorientierung, um gemeinsam mit den SchülerInnen eine Zukunftsperspektive für den Arbeitsmarkt zu schaffen. Dazu gehören z. B. die Vorstellung verschiedener Berufsfelder im Rahmen des Faches AWT, unsere klassenübergreifende „Berufsorientierungs-Woche“, Betriebsbesichtigungen und Bewerbungstrainings. Wir halten die SchülerInnen dazu an, sobald wie möglich damit zu beginnen, in den Ferien oder am Wochenende Praktika zu absolvieren. In der Mittelstufe ist ein zweiwöchiges Betriebspraktikum verpflichtend. Sie haben so die Möglichkeit, erste Erfahrungen in der Arbeitswelt zu sammeln, um sich leichter für einen Ausbildungsberuf entscheiden zu können.  Die Praktika können eigenständig organisiert werden oder mit der Unterstützung der sozialpädagogischen Abteilung, wo bei Bedarf gemeinsam Bewerbungsschreiben erstellt und an ausgewählte Unternehmen gesandt werden. Auch während der Phase der Bewerbungsgespräche werden die SchülerInnen beraten und begleitet. Diese umfassende Betreuung der Jugendlichen gewährleistet eine jährliche Vermittlungsquote von nahezu hundert Prozent.

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SchlaU Übergang-Schule Beruf − Das Nachbetreuungsprogramm der SchlaU-Schule

Ein erfolgreicher Schulabschluss ist nicht zwangsläufig das Ende einer „SchlaU-Karriere“. Junge Flüchtlinge kommen mit einem schweren biografischen „Rucksack“ in Deutschland an – ihre Entwurzelung reicht tief. Die Schulabschlüsse öffnen den SchülerInnen zwar neue Türen, doch um die dahinter liegenden Wege sicheren Schrittes meistern zu können, ist weitere Unterstützung unabdinglich. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass das ausbildungsbegleitende Berufsschulsystem ebenso wie weiterführende Schulen nicht ausreichend auf die speziellen Bedarfe junger Flüchtlinge ausgerichtet ist. Gemeinsamer Unterricht mit MuttersprachlerInnen und das Arbeiten mit Fachbüchern stellen direkt nach dem Schulabschluss neue herausfordernde Hürden für die Jugendlichen dar. Deswegen wurde das Nachbetreuungsprogramm „SchlaU Übergang Schule-Beruf“ gestartet. Seit dem Jahr 2011 ist es fest installiert und mit hauptamtlich arbeitenden Lehrkräften und SozialpädagogeInnen besetzt. Gemeinsam mit ehrenamtlichen Lehrenden bietet "SchlaU Übergang-Schule Beruf" in den Räumen der SchlaU-Schule nach Bedarf schulische Nachbetreuung in den einzelnen Berufssparten an. Die Lehrenden pflegen einen engen Kontakt mit den Ausbildungsbetrieben und jeweiligen Schulen, damit ein erfolgreiches Bestehen der nachfolgenden Schule oder Ausbildung gewährleistet werden kann. Über die Jahre hat sich das Team einen umfassenden Korpus an Lehrmaterial erarbeitet, um sprach- und kultursensibel mit den SchülerInnen Problemfragen des Unterrichts nachzubearbeiten. In Ergänzung zur schulischen Unterstützung können die Jugendlichen weiterhin das sozialpädagogische Beratungsangebot wahrnehmen. Geleistet wird hier vor allem Unterstützung in akuten Krisensituationen wie Mobbing oder rassistische Übergriffe, die ohne adäquate Unterstützung bis zum Ausbildungsabbruch führen können. Beraten wird außerdem in ausländerrechtlichen Fragen, bei bevorstehenden Arbeitsplatzwechseln, beruflicher Neuorientierung (zum Beispiel nach längerer Elternzeit), Schwangerschaft während der Ausbildung, Lernen mit Kind und in familiären Belastungssituationen. So können die Jugendlichen so intensiv wie möglich und so lange wie nötig begleitet werden.

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Umgang mit Vielfalt: Lernklima und Unterrichtsgestaltung

Bei der Auswahl der Lehrkräfte ist die Lehrendenpersönlichkeit ein zentrales Kriterium. Ebenso wie auf interkulturelle Sensibilität und Methodenversiertheit bezüglich heterogener Lerngruppen wird hier auf die Fähigkeit zur Teamarbeit, kritischen Reflexion des eigenen Lehrstils und zur Herstellung einer entspannten Lernatmosphäre, die auf einer guten LehreInnen-SchülerInnen-Beziehung basiert, geachtet. Wesentlich sind weiter eine universitäre Ausbildung im Fach Deutsch als Fremdsprache oder Deutsch als Zweitsprache und bereits vorhandene Lehrerfahrung im Flüchtlingsbereich. Innerhalb kurzer Zeit erlernen die Jugendlichen das deutsche Sprachsystem von Grund auf neu. Dies erfordert einen gesteuerten Spracherwerb von Anfang an und damit einen systematischen Aufbau des Grammatikverständnisses und des Wortschatzes. Für viele der Jugendlichen beginnt der Unterricht zudem mit einem Alphabetisierungskurs, da sie auch in ihrer Muttersprache bislang nicht alphabetisiert sind oder sie erst das lateinische Schriftsystem erlernen müssen. Auch hier ist eine entsprechende Ausbildung der Lehrkräfte notwendig.

In der Unterrichtspraxis setzen die Lehrenden auf eine anregende Lernumgebung. Das neue Schulgebäude wurde entsprechend schulbaurechtlicher Vorgaben konzipiert und anschließend gemeinsam mit den SchülerInnen kreativ ausgestaltet. Bei der Einrichtung der Klassenzimmer wurde auf eine fröhliche Farbgebung geachtet. Jeder Raum ist mit Whiteboard und Overhead-Projektor ausgestattet, zusätzlich stehen den Lehrenden Beamer und unterschiedliche Lehrmaterialien zur Verfügung. Für den Computerunterricht wurde ein Informatikraum eingerichtet. Jeder Klasse ist es freigestellt, ihr Klassenzimmer gemeinsam mit Lehrkräften individuell zu gestalten.

Der Unterricht selbst ist kompetenzorientiert konzipiert. Im Zentrum des Stundenplans steht der Erwerb der deutschen Sprache. Ein zweiter Schwerpunkt wird auf das Fach Mathematik gelegt. Zusätzlich bieten die Fächer GSE, AWT, PCB, Ethik und IT genügend Raum, ethisch-soziale Fragen und lebenspraktische Themenfelder zu erörtern. Dabei ist es von entscheidender Bedeutung, dass der Fachunterricht nicht nur sprachsensibel, sondern auch kultursensibel angelegt ist. Rücksicht genommen werden muss auf unterschiedliche soziale Hintergründe, vielfältige Erfahrungen und Lebenswelten. Die behandelten Themengebiete in der Alphabetisierungs-/Grundstufe und in der Mittelstufe orientieren sich zum Teil am Rahmencurriculum der bayerischen Mittelschulen, aber vor allem an den Lebenswirklichkeiten der SchülerInnen. Entsprechend der Lernbedarfe der Jugendlichen werden derzeit im Rahmen der Schulentwicklung schulinterne curriculare Leitfäden erstellt, die den Unterricht in der Alphabetisierungs-/Grundstufe und in der Mittelstufe stützen. In der Abschlussstufe wird Prüfungsstoff unterrichtet. Die Lehrmaterialien in den einzelnen Fächern werden von den Lehrerenden klassenspezifisch zusammengestellt. Im Deutschunterricht wird zwar immer wieder auf bestehende Deutsch-als-Fremdsprach-Lehrwerke zurückgegriffen, aber vor allem werden die Lerneinheiten von den Lehrenden selbst erstellt. Bei der Konzeption des Materials ist auf Möglichkeiten der Binnendifferenzierung zu achten, um auf die unterschiedlichen Lernvoraussetzungen der SchülerInnen situativ reagieren zu können. Die eingesetzte Methodik im Unterricht sollte sich stets nach den Bedürfnissen der Klasse richten. Neue Lernmethoden sollten sensibel eingeführt werden, auf bisherige Lernkulturen sollte Rücksicht genommen werden.

Ergänzt wird der Unterricht im Klassenzimmer durch vielfältige Projekte, die es den Jugendlichen ermöglichen, eigene Talente zu entdecken und weiterzuentwickeln, um die Selbstwirksamkeitserwartung im geschützten Rahmen weiter zu stabilisieren und auszubauen. Außerdem legen wir im Unterrichtsalltag besonderen Wert auf vertrauensvolle Beziehungen zwischen SchülerInnen und Lehrenden. Einzelgespräche mit den Jugendlichen gehören ebenso zum Schuljahresrhythmus wie Lernzielgespräche mit den Jugendlichen und spontane Gespräche zwischen Tür und Angel. Die psychische Belastungssituation, in der sich die Jugendlichen nach der Reise und während des Asylverfahrens befinden, nimmt maßgeblichen Einfluss auf das Unterrichtsgeschehen. Lehrende sind hier stets gefordert, situativ reagieren zu können und in Krisensituationen intervenieren zu können, um die Lernmotivation aufrechtzuerhalten. Bei der Erstellung des Stundenplans wird daher darauf geachtet, dass einzelne Lehrende möglichst viele Stunden in der Klasse verbringen, um die SchülerInnen kennenlernen zu können. Denn Lernen beruht auf der guten Beziehung zueinander und diese entwickelt sich nur mit genügend Zeit füreinander.

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