Schule für junge Flüchtlinge Submenu

Schulanaloger Unterricht

Das SchlaU-Projekt wurde im Jahr 2000 vom „Trägerkreis zur Förderung von Bildung und Integration von Flüchtlingskindern und -jugendlichen e.V.“ ins Leben gerufen und hat es sich zur Aufgabe gemacht, für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF) ein schulanaloges Unterrichtsangebot auf Dauer zu etablieren. Mittlerweile sind wir eine vom Bayerischen Kultusministerium anerkannte, staatliche Ergänzungsschule. In unserer Schule werden jährlich ca. 140 zumeist minderjährige Flüchtlinge aus aller Welt schulanalog beschult. Ca. 15 Lehrkräfte mit Lehrerfahrung im Flüchtlings- und Jugendlichen-bereich unterrichten derzeit in 10 Klassen. Prioritäres Lernziel ist zunächst der Erwerb der deutschen Sprache. Da sehr viele der Jugendlichen Voll- bzw. Halbanalphabeten sind und zum Teil auch noch bis zum obersten Klassenniveau erhebliche Defizite beim Lesen und Schreiben aufweisen, obwohl sie bereits relativ flüssig sprechen können, wird speziell der Alphabetisierung bzw. dem Lesen und Schreiben in allen Klassen ein hoher Stellenwert beigemessen.

In den beiden Oberklassen bereiten wir die Schüler/innen auch direkt auf den „erfolg-reichen“ und den „qualifizierenden Hauptschulabschluss“ (= „Quali“) vor; sie legen dann am Schuljahresende die offiziellen, bayernweiten Prüfungen in Münchner Regelschulen ab.

Deswegen orientiert sich unser Lehrangebot am Fächerkanon der Hauptschulen bzw. der Berufsschule sowie vergleichbarer, weiterführender Bildungsmaßnahmen; d.h. parallel zur Entwicklung der deutschen Sprachkenntnisse werden die Fächer Orientierung und Ethik, Mathematik, GSE (Geschichte, Sozialkunde, Erdkunde) und AWT (Arbeit, Wirtschaft, Technik) und Kunst unterrichtet. Da wir keine Sprengelschule sind und unsere Schüler/innen zum Teil eine Stunde Anfahrt haben, beginnt der tägliche Unterricht um 9.00 Uhr und dauert bis 12.15 Uhr, für die Abschlussklassen bis 13.15 Uhr. Gerade für diejenigen, die noch nie zuvor eine Schule besucht haben, ist damit aus unserer Sicht das Maximum an Aufnahmefähigkeit erreicht. Besonders Förderungsbedürftige erhalten am Nachmittag zusätzlich Hausaufgabenbetreuung bzw. Nachhilfe von Ehrenamtlichen oder Lehrpraktikant/innen, um in ihrer Klasse Schritt halten zu können.

Sozialpädagogische Begleitung – inner- und außerschulisch

Zwei Sozialpädagog/inn/en kümmern sich um die zahlreichen Probleme unserer Schüler/innen; hierbei werden zunächst allgemeine Orientierungshilfen geleistet (vom Einkaufen beim Bäcker über Aufklärung und AIDS bis zum Umgang mit Ämtern und Behörden), denn es stellt für viele von ihnen eine hoffnungslose Überforderung dar, sich in dieser Situation ohne Familie, Freunde und Sprache in einem fremden Land zurecht zu finden. Zentrale Aspekte dabei sind – vor allem innerschulisch – das Leben miteinander, insbesondere Konfliktbewältigungen. Auch Beratung und Hilfestellungen der zum Teil stark traumatisierten Jugendlichen (in Folge von Kriegserfahrungen, Verwaisung, Flucht, Entwurzelung etc.) beanspruchen viel persönliche Fürsorge. Mit fortlaufender Schuldauer wird schließlich der Berufsorientierung und -findung zunehmende Bedeutung beigemessen.

Diese individuelle Unterstützung ist neben der so notwendigen Bewältigung der Alltagsprobleme eine äußerst wichtige vertrauensbildende Maßnahme, die den Schüler/inne/n den Rücken freihält und sie moralisch stärkt, um trotz zum großen Teil ungesicherten Aufenthaltes so bemerkenswerte schulische Leistungen zu erzielen (nämlich innerhalb von zwei bis drei Jahren „vom ABC zum Hauptschulabschluss“ zu gelangen).

Ziele und Perspektiven – Schulabschlüsse und Arbeitsmarktorientierung

Ziel des Schulbesuchs ist neben der Förderung der sprachlichen und fachlichen Entwicklung auch die Gewöhnung an einen geregelten Schul- oder Arbeitsalltag, um eine erfolgreiche Vermittlung in weiterqualifizierende Maßnahmen bzw. in Ausbildung oder Arbeitsmarkt zu gewährleisten. Deshalb legen wir nicht nur großen Wert auf die rein fachlichen Leistungen, sondern auch auf die Einhaltung unserer Schulregeln, insbesondere Anwesenheit und Pünktlichkeit, Hausaufgaben und Sozialverhalten in Klasse und Schule. Diese Bereiche finden dann auch in den Zeugnissen der Nicht-Abschlussklassen ihre Bewertung.

Neben der Schul- und Ausbildungsqualifizierung ist für uns auch die direkte Vermittlung in den Arbeitsmarkt von wachsender Bedeutung. Deswegen rücken Unterrichtsthemen wie Gesprächsgestaltung und Bewerbungstraining mehr und mehr in den Mittelpunkt. Um eine berufliche Orientierung zu erhalten, organisieren wir in den Abschlussklassen während des Schuljahres Praktika in Firmen. Dadurch erhalten die Schüler/innen realitätsbezogene Eindrücke von den Anforderungen eines eventuellen zukünftigen Arbeitsplatzes, den Umgang mit Arbeitskolleg/inn/en und können sich über ihren Berufs- oder Ausbildungswunsch klarer werden. Deswegen haben wir diese „Schnupperpraktika“ als integralen Bestandteil in unser Schulprogramm aufgenommen.

Menschenwürde – Persönlichkeitsstärkung – Zukunftschancen

Die Pisa-Studie hat sehr klar werden lassen, dass Deutschland insbesondere gegenüber Migrant/inn/en Jahrzehnte lang eine desolate Bildungspolitik vorzuweisen hatte. Asylbewerber/innen versucht/e man aus diesem Themenkreis auszuschließen, da ihr Aufenthalt nicht für eine dauerhafte Integration vorgesehen sei. Die logische Folgerung lautet demnach: keine Schulbildung, keine Berufsausbildung! Unabhängig davon, ob ihr Asylantrag anerkannt wird oder nicht, bietet jedoch eine schulische und berufliche Ausbildung eine wesentlich bessere Perspektive für die jungen Menschen. Zum einen erfahren sie die Würde, die jedem Jugendlichen zukommen sollte, nämlich das Menschenrecht auf Schule und Ausbildung wahrnehmen zu dürfen. Zum anderen ist die Stärkung der Persönlichkeit, verbunden mit einer zukunftsorientierten Qualifizierung aus unserer Sicht eine essenzielle und unumgängliche Grundlage für die weitere Zukunft der jungen Menschen, und zwar unabhängig davon, ob sie in ihr Heimatland zurückkehren – freiwillig oder von Staats wegen erzwungen – oder nicht. Die Europäische Union, von der wir u.a. gefördert werden, hat dies längst erkannt und in ihren Bildungsprogrammen umgesetzt („Empowerment“). Man spricht immer gerne von der Verhinderung neuer Fluchtursachen; Menschen den Zugang zu Schule und Ausbildung zu verwehren, schafft weitere neue Fluchtursachen, anstatt sie sinnvoll zu bekämpfen. Deshalb begreifen wir unsere Arbeit auch als einen äußerst sinnvollen entwicklungspolitischen Auftrag.

Die bisherigen Erfahrungen haben uns gezeigt, wie wichtig es ist, die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, wenn sie in München ankommen, so schnell wie möglich in eine Schulklasse aufzunehmen. Dadurch werden die Jugendlichen in dieser wichtigen Anfangsphase nicht sprach- und orientierungslos in den Heimen bzw. zum Teil auch Lagern (ohne Einbindung in eine Schule) sich selbst überlassen.

Um die gerade angekommenen Jugendlichen sofort zu integrieren, führen wir zusätzlich zum schulanalogen Programm nach Bedarf Alphabetisierungskurse durch. Schulunterricht hatten sie in den meisten Fällen schon lange nicht mehr (wenn überhaupt – bspw. Afghanistan oder Nordirak), und von ihrer näheren Zukunft haben sie i.d.R. keine konkrete Vorstellung. Gerade diese Phase ist häufig der Beginn einer Negativkarriere, der wir damit aktiv entgegenwirken.